Uli Stein-Stiftung für Tiere in Not- ein wunderbarer Bericht Juni 2020

(verfasst für die Uli Stein Stiftung von Susanne Wondollek)

Eigentlich wollte Frau Rosenkranz einen blonden Hund. So in Richtung Retriever. Doch dann entdeckte sie in einer Anzeige sozusagen das Kontramodell, besuchte selbiges auf seiner Pflegestelle – und es war um sie geschehen. Obwohl Phoenix bis auf drei kaum erkennbare,  zarte, helle Strähnen an der Rute schwarz war, zur Begrüßung erstmal ausgiebig pinkelte und sie angrollte.

„Ich nehm dich trotzdem“, erklärte sie ihm bestimmt. Und das tat sie.

Und der dunkle, inzwischen 8jährige Schäfimischling scheint mit dieser Entscheidung seit Langem mehr als zufrieden zu sein. Er ist einer von drei Hunden, die mich in dem Haus der Tierschützerin freundlich begrüßen und der die ganze Zeit neben mir sitzen sollte, um sich Streicheleinheiten abzuholen. Balou und Herkules, ebenso wie Phoenix rumänische  Straßenkreuzungen, hatten keine Chance: Privilegien  von Ersthunden sind nunmal zu akzeptieren. Oder man müsste es taktisch so anzugehen wie Toffee, eine der neun Katzen im Hause Rosenkranz, die sich auf meinen Schreibblock legt und wartet, dass wir die Schokoladenkekse einen Moment aus den Augen verlieren.

Tun wir zu ihrem Bedauern nicht, obwohl wir in sehr in unser Gespräch vertieft sind.

Am Anfang sei  sie vollkommen naiv gewesen, so Frau Rosenkranz. Fasziniert tauchte sie in die Tierschutzwelt auf facebook  ein und wurde fast ihr Opfer.

“Ich dachte, alle Tierschützer seien gute Menschen“.

Mittlerweile weiß sie, wie viele schwarze Schafe es auf dem begehrten Markt gibt. Und wie geschickt diese den „echten“ Tierschützern das Wasser abgraben. Man könnte das eine oder andere bei denen abgucken. Aber will man das?

Wir schauen uns an und schütteln synchron die Köpfe.

2013 war die Bissendorferin mit ihrer Tochter zum ersten Mal in Rumänien. Noch vor dem vermeintlichen Beißangriff eines Hundes auf einen vierjährigen Jungen, der Tausenden seiner Artgenossen das Leben kosten und sich im Nachhinein als Falschmeldung  herausstellen sollte. Zu dem Zeitpunkt waren die Straßen Bukarests noch voll mit Vierbeinern und die Straßenhunde  fester und vertrauter Bestandteil der Städte.

„Die Rumänen haben eine ganz andere Beziehung zu ihren Hunden“,

erklärt die Tierschützerin. Diese werden nicht an der Leine ausgeführt, sondern einfach „rausgelassen“. Sie  kommen von selbst wieder, wenn sie Hunger und Durst haben. Und werden nicht selten entsorgt, wenn sie krank und alt sind, etwas kosten oder einfach „zuviel“ sind.

Dass Kastrationen das Mittel der Wahl sind, Hunde- und Katzen-populationen zu begrenzen, ist den Einheimischen theoretisch klar, wird aber nicht praktisch umgesetzt. Oder als zu kostspielig empfunden. So finden sich immer wieder Kartons und Plastiktüten gefüllt mit Katzen- oder Hundebabies in Mülltonnen oder an Straßenrändern. So wie vor vielen Jahren  Harry und Belafonte, die das große Glück hatten, von Frau Rosenkranz gefunden und gerettet zu werden. Gerade haben sie die Kekse entdeckt und tigern hoffnungsvoll schnurrend um unsere Beine: „Das sind zwei von denen, die überlebt  haben“, erklärt die engagierte Tierschützerin.

Desgleichen ein Hund, den sie am selben Tag am Straßenrand entdeckte. Voller Zecken und nur noch ein Gerippe. In ihren Armen seufzte er so tief, dass sie annahm, er habe seinen letzten Atemzug getan. Tatsächlich war es die abgrundtiefe Erleichterung, auf menschliche Zuwendung zu stoßen. Und die spürte er offensichtlich bei Frau Rosenkranz von der ersten Sekunde an.

Fortan  konnte sie sich kaum noch bremsen: Wo andere wegschauten, sah sie hin – und blickte nicht nur auf der Straße, sondern auch  durch die rostigen Gitterstäbe der shelter in die tieftraurigen Augen der Hunde, die wussten, dass ihre Stunden gezählt waren.  Die Berge an Leichen nach den offiziellen Tötungsterminen ließen die Tierschützerin erst verzweifeln, dann anderen Tierschützern  mithelfen und schließlich ihren eigenen Verein gründen: Germaines Herzensstreuner.

Und ihr Herz ist wirklich ganz und voll dabei.

Und nicht nur das, sondern auch ihr Konto. Denn die Rettung und Unterbringung und Versorgung kostet. Hinzu kommen noch regelmäßige  Kastrationsaktionen für die Hunde der Einheimischen. Und wenn jemand nach einer Impfung oder einem Medikament für den Vierbeiner fragt, kann sie auch nicht nein sagen. Trotzdem wehrt sie sich,  eine  aggressive Bettelpolitik wie einzelne Mitstreiter zu betreiben. Und leidet, weil Corona  sie momentan hindert, nach Rumänien zu fliegen.

40 mal war sie vor Ort, um sich der Fellnasen in ihrem  eigenen, kleinen shelter anzunehmen. In ihrer Abwesenheit wird es von zwei rumänischen Tierschutzfreunden, Oana und Alexander, betreut. Ca. 60 Hunde finden hier Zuflucht, sei es, dass sie  mehr tot als lebendig von der Straße aufgelesen, aus Kartons gerettet, über den Zaun geworfen und auch mal Kindern weg genommen werden, die mit  einem wenige Tage alten Hund Fußball spielen. Ob Welpe, Junghund oder Senior: Frau Rosenkranz kennt die Namen all ihrer Schützlinge – auch die, die längst vermittelt sind und mit deren Adoptiveltern sie in regelmäßigem Austausch steht.  So wie Beate, die nach Lehrte, Maj, die in der Wedemark, Aura, die in Wolfsburg und Abby, die in Hameln ein neues Zuhause gefunden hat. Im letzten November wurde es trotz dieser Vermittlungen ein wenig eng im shelter, denn sechs Hündinnen waren schwanger; drei aus der Tötung, drei von der Straße.

„Laila, jetzt kriegst du mal deine Babies, ich muss wieder los“,

bat Frau Rosenkranz eine der Hundedamen ein paar Tage vor dem geplanten Rückflug. Laila verstand –und gehorchte. Und alle Babies überlebten.  Auch hier sieht sich Frau Rosenkranz  nachträglich als blauäugig: „Als ich mit den Herzensstreunern anfing,  wollte ich alle Hunde retten“. Längst ist ihr klar geworden, dass das eine Illusion und Utopie ist. Und doch gelingen ihr und ihren Helfern immer wieder Wunder, nämlich Hunde zu retten, die man kaum noch  als Lebewesen erkennt. So wie Reica und Falco, für die Frau Rosenkranz aktuell Adoptanten sucht. Oder Greta, im November noch  mehr tot als lebendig, jetzt ein Wonneproppen und glücklich im neuen Zuhause. „Bei der Übergabe haben wir alle geheult, erinnert sich die Bissendorferin.  Denn wieder hat sich bestätigt, was alle Tierschützer wissen, sich jedoch immer wieder als wichtig und wahr erweist:

Ein einzelnes Tier zu retten, ändert nicht die Welt,

doch die ganze Welt ändert sich für dieses eine Tier.

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